Wertschätzende Kommunikation ohne Mobiltelefon in der Nähe

Eine Studie belegt, dass bereits die bloße Nähe eines nicht benutzten Mobiltelefons die Qualität persönlicher Gespräche beeinträchtigen kann. Generell stellt sich die Frage: Wie erreicht man mehr Wertschätzung und Vertrauen in Gesprächen?

Gute Gespräche erfordern eine Vertrauensbasis

Gespräche beinhalten nicht nur Sachinformationen und Absichten bzw. Wünsche. Die Sprechenden senden auch (nonverbale) Informationen über sich bzw. ihre Beziehung zum Gesprächspartner. Es ist sogar möglich, selbst unerfreuliche Inhalte klar zu kommunizieren und gleichzeitig wertschätzend mit der Person umzugehen.
Das „richtige“ Führen von Gesprächen wird oft in Rollenspielen trainiert. Für die Herstellung einer tragfähigen Beziehung zwischen den Gesprächspartnern spielen – neben sorgfältiger inhaltlicher Vorbereitung – u. a. bereits die Wahl der richtigen Sitzposition (möglichst nicht frontal) und die Vermeidung von Störungen (Abschalten des Mobiltelefons etc.) eine Rolle. Im Training werden solche Aspekte wegen ihrer scheinbaren Trivialität oft belächelt und im beruflichen Alltag vergessen. Eine wissenschaftliche Studie gibt Anlass, solche Themen noch ernster zu nehmen.

Studie zeigt Beeinträchtigungen auf

Andrew K. Przybylski und Netta Weinstein vom Department of Psychology der University of Essex führten im Rahmen ihrer Studie über die Einflüsse von Mobiltelefonen auf Gesprächssituationen zwei wissenschaftliche Experimente durch. Nach einer 10minütigen Unterhaltung in einem Raum nahmen die Gesprächspartner jeweils anhand eines Fragebogens eine Bewertung des Gesprächs (Beziehungsqualität, gefühltes Vertrauen, Empathiefähigkeit des Gegenübers) vor.
Im ersten Experiment wurde zunächst die Wirkung eines außerhalb des direkten Sichtfeldes lediglich auf dem Tisch liegenden Mobiltelefons untersucht. Zum Vergleich wurde in der Kontrollgruppe das Mobiltelefon gegen ein Notizbuch ausgetauscht. In den Gesprächen mit dem auf dem Tisch liegenden Mobiltelefon wurden die Nähe und die Qualität der Gesprächsbeziehung geringer eingestuft.
In einem zweiten Experiment wurde untersucht, welche Auswirkungen das Gesprächsthema hat. Bei belanglosen Themen gab es selbst bei vorhandenem Mobiltelefon kaum abweichende Einschätzungen hinsichtlich Beziehungsqualität und Vertrauen in bzw. Empathie des Gesprächspartners. Sprachen die Testpersonen jedoch über für sie persönlich bedeutende Themen, verschlechterten sich die Einschätzungen bei vorhandenem Mobiltelefon deutlich. Diese Effekte traten unbewusst auf, wurden also nicht auf das bloße Vorhandensein des Mobiltelefons zurückgeführt.

Angemessenerer Umgang bzw. bessere Gespräche

Das Ergebnis der Studie erscheint zunächst paradox: Einerseits stellt ein Mobiltelefon generell Erreichbarkeit und dadurch eine gewisse Nähe sicher. Andererseits beeinträchtigt bereits ein auf dem Tisch liegendes Mobiltelefon insbesondere bei wichtigen Gesprächsthemen unbewusst das Gespräch. Das Mobiltelefon signalisiert nicht nur mögliche Störungen durch eingehende Anrufe, sondern auch eine geringere Aufmerksamkeit bzw. Wertschätzung, die dem Gegenüber entgegengebracht wird.

Gewiss haben wissenschaftliche Studien mögliche Grenzen – etwa hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit. Beleuchten wir dennoch Gesprächssituationen im beruflichen Kontext. Generell besteht auch hier – ebenfalls durch Studien belegt – der Wunsch insbesondere nach mehr Anerkennung bzw. Wertschätzung. Zudem kann das gezielte Abschalten produktiveres Arbeiten bewirken.
Die bei Führungskräften verbreitete (und als unhöflich empfundene) Verwendung von Mobiltelefonen während Gesprächen kann dadurch erklärt werden, dass dies unbedacht geschieht. Schließlich stehen Führungskräfte meist unter enormen Druck (ihre Mitarbeitenden oft aber auch). Souveräner wäre, sich für die Dauer des jeweiligen Gesprächs ganz auf die/den Gesprächspartner/in zu konzentrieren.

Vor diesem Hintergrund kann die skizzierte Studie von Przybylski und Weinstein für einen generell angemesseneren Umgang mit Mobiltelefonen sensibilisieren. Und das Ein- bzw. Wegstecken in Gesprächen signalisiert noch mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Gerade Führung bedeutet zum einen viel Kommunikation. Zum anderen kann die Führungskraft über ihre Vorbildfunktion leicht entsprechende Veränderungen in Richtung mehr Dialog und Wertschätzung auslösen.

Weitere Empfehlungen

Konkret können darüber hinaus folgende Empfehlungen selbst bei heiklen Themen zu einer guten Gesprächsbeziehung beitragen:

  • Zeigen Sie authentisch Interesse an Ihrer/Ihrem Gesprächspartner/in.
  • Senden Sie sowohl verbale (z.B. Bestätigungen) als auch nonverbale Zuhörsignale (Augenkontakt, Nicken etc.).
  • Zusammenfassungen zeigen, dass bzw. was verstanden wurde. Fragende Wiederholungen oder das Ansprechen von Körpersignalen („Sie runzeln die Stirn…?“, „Sie wirken verärgert…?“ etc.) ermuntern zu weiteren Informationen.
  • Offene Fragen bieten ebenfalls Raum für weitere Informationen bzw. für eine Öffnung des Gesprächspartners.

Viel Erfolg bei der Umsetzung!

Literatur
Przybylski, A. K., Weinstein, N. (2013): Can you connect with me now? How the presence of mobile communication technology influences face-to-face conversation quality, Journal of Social and Personal Relationships, Vol. 30 (3), pp. 237–246 | online veröffentlicht 2012, PDF Download https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0265407512453827 (letzter Abruf 18.03.2022)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich online auf dem „Dotzauer-Blog“ veröffentlicht. Der separate Blog existiert nicht mehr. Ausgewählte Blogbeiträge wurden jedoch 2022 – in Teilen überarbeitet, verkürzt bzw. aktualisiert – in diese Website integriert. Bei Fragen, Anmerkungen etc. können Sie sich gerne an den Autor wenden.

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